Die erste Orgel der St. Jacobi-Kirche Berlin- Kreuzberg

Für die 1844/1845 von A. Stüler neu erbaute Jacobi-Kirche gab zunächst die Berliner Werkstatt LANG & DINSE 1844 einen Kostenanschlag für ein Instrument mit 28 Registern auf zwei Manualen und Pedal und folgendem Registeraufbau ab:

I:    16.8.8.8.4.4.2 2/3.2.III.III~V8

II:   16.8.8.8.4.4.22/3.2.111

Ped:  16.16.102/3.8.8.4.16.8

Aber dann trat ein Konkurrent auf: JOHANN FRIEDRICH SCHULZE, Paulinzella, reichte im Oktober 1844 ebenfalls einen Kostenanschlag mit Zeichnung und einer weit unkonventionelleren Disposition ein:

HW: 32.16.16.8.8.8.8.6.4.4.3.2.111V8

0W: 16.8.8.8.8.4.4.3.2.

Ped:  16.16.12.8.8.8.32.16

Der Orgelsachverständige AUGUST WILHELM BACH nahm weder für den einen noch für den anderen Orgelbauer Stellung. Lang & Dinse zeigten sich beunruhigt und erboten sich, ein »außerordentlich großartiges Werk« zu erbauen, und erstellten einen neuen Kostenanschlag mit vergrößerter Disposition und doppeltem Pedal:

I:    16.16.8.8.8.4.4.2 2/3.2.III.III~V8

II:   16.8.8.4.4.22<~.2.III

III:  8.8.8.4.4.2

1.Ped: 32.16.10 2/3.8.4.16.8

2.Ped: 16.16.8.8

Schulze dagegen warb mit seiner Progressivität. Er verwies darauf, daß »der Orgelbau in unserer Zeit sehr viele Fortschritte gemacht hat, wo nicht jeder Orgelbauer Gelegenheit hat, selbige zu benutzen oder benutzen will.« Seinem Brief legte er ein gedrucktes Werbeblatt »Vorzüge der neuen Orgel in der Moritzkirche in Halle a.d.S.« bei. Dort wurden aufgezählt: stumme Prospektpfeifen, wodurch die Kondukten einfallen, die Windladen von allen Seiten zugänglich und vom Prospekt unabhängig werden; schrägliegende Windladen mit besserer Klangabstrahlung; hängende Ven­tile, auf denen kein Dreck liegenbleiben kann; ganz einfache Traktur; gebogenes Pedal, bei dem die Außentasten höher liegen als die Mitte; durchschlagende Zungen, ganz aus Zink und Messing, also witterungsunabhängig, und im Ton stärker als gewöhnlich; drittes Klavier mit eigenem Windmagazin mit Regulator, so daß es 8 Grad Wind weniger hat als die beiden anderen Klaviere und die sanften Stimmen angenehmer intoniert werden können; ferner heben die Magazinbälge die Windstößigkeit auf, die durch Unzulänglichkeiten der Balganlage oder Balgbedienung entstehen kann.

Der Pfarrer wollte vermitteln und schlug vor, beide Firmen sollten die Orgel gemeinsam bauen. Eine Konferenz wurde einberufen, auf der sich SCHULZE unter bestimmten Bedingungen dazu bereit erklärte; LANG & DINSE lehnten jedoch schriftlich ab. Man schickte zu Ihnen, aber sie erklärten, die Orgel solle »von einem Meister allein gearbeitet« werden, und kamen nicht.

So wurde mit Schulze ein Bauvertrag geschlossen. Während der Rücktrittsfrist holte man jedoch noch einmal Erkundigungen ein: in Breslau bei ADOLPH HESSE und in Halberstadt; Prettin und Stettin, wo Instrumente von Schulze standen. Alle Zeugnisse waren positiv; der Halberstädter Ober-Organist FERDINAND BAAKE schrieb gar, MENDELSSOHN BARTHOLDY habe sich dahingehend ausgesprochen, »daß die hiesige Domorgel die schönste aller Orgeln sei, die er bis jetzt gespielt oder gehört habe, so daß sie alle berühmten Orgeln, welche Deutschland, England und Frank­reich besitze, in jeder Hinsicht übertreffe.«

Im März 1845 waren LANG & DINSE doch bereit, beim Bau mitzuwirken. Man einigte sich folgendermaßen: SCHULZE liefert Hauptwerk- und Pedalstimmen sowie die ent­sprechenden Laden, für das Oberwerk Flauto traverso 4' nebst Aufstellung und Intonation, die stummen Prospektpfeifen nach Zeichnung STÜLERS und zwei Windreservoire; die anderen Arbeiten (Gehäuse, Oberwerklade und -register, Traktur, 3 Bälge, Windkanäle etc.) führen Lang & Dinse aus. Bis Pfingsten 1846 sollte die Orgel fertig sein. Für die Zwischenzeit stellen Lang & Dinse eine Interimsorgel auf.

Die Orgel wurde entsprechend dieser Vereinbarung gebaut, allerdings fand die Abnahme erst im Juli 1847 statt.

In der St. Jacobi-Kirche war ein Instrument mit fortschrittlichen Zügen entstanden:

Trompete und Posaune waren durchschlagend; das Pedal war als reines Baßklavier gedacht, der 4' kam erst durch Vorschlag von A. W. BACH hinein; es wurde offensichtlich mit 32' in Pedal und Hauptwerk und 16' im Oberwerk ein gravitätischer Gesamtklang angestrebt. Schulze hatte auch bei der Intonation die Spätromantik schon vorweggenommen.

Der Prospekt entsprach ganz der Schinkelschule; die Entwürfe des Lehrers Stülers zu den »Normalkirchen« im Norden Berlins und zahlreiche andere geplante oder realisierte Prospekte Schinkels, Stülers und Persius' spiegeln nicht den inneren Werkaufbau der Orgel wider, sondern gliedern in Flächen- und Rundturmreliefs, deren Pfeifen oftmals stumm waren, wobei aber hier die Anordnung von äußeren Rundtürmen und dazwischenliegenden Flachfeldern noch an historische Vorbilder erinnert.

Der Organist war 1899 mit dem Instrument nicht mehr zufrieden und schlug dem Gemeindekirchenrat die Gründung eines Orgelbaufonds für einen Neubau vor, hatte damit aber keinen Erfolg.

Zu den altersbedingten Mängeln der Orgel kam jetzt, in den zwanziger Jahren, noch der Wandel des Klangideals hinzu: »Das betont 16füßige Hauptwerk ist dick und dumpf, und die ungeschlachten Holzflöten tragen auch nichts zur Verfeinerung bei; daneben steht unvermittelt das schreiende Mixturwerk. Das Pedal ist zwar kräftig, aber ebenfalls plump und undeutlich.«

Ein Neubau war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Der Orgelbaufonds war der Inflation zum Opfer gefallen und man faßte einen Umbau ins Auge. Prospekt, Gebläse, ausgebesserte Traktur und Windladen wurden übernommen und fast sämtliche Zinnpfeifen umintoniert wiederverwendet. Der Winddruck wurde gesenkt, im Oberwerk ein Schweller neu eingebaut und die Disposition nach einem Entwurf des damaligen Organisten WOLFGANG AULER gemäß der Orgelbewegung grundlegend umgestaltet. Dabei wurde das Oberwerk als Brustwerk konzipiert. Die Arbeiten führte die Firma KEMPER, Lübeck, aus.

Mit dem Klang mancher erhaltener Schulze-Register war der Sachverständige CARL ELIS zwar nicht zufrieden, aber insgesamt urteilte er: »Die Intonation, namentlich der neuen Stimmen, ist sehr gut und die Mischungsfähigkeit überraschend. Die Orgel füllt den Raum der Kirche tonlich durchaus, trotzdem oder gerade weil die Kraftstimmen Schulzes entfernt sind und der Winddruck vermindert ist. Bei polyphonem Spiel hebt sich jede Linie klar von der anderen ab. «

1934-1936 fanden durch die Firma KEMPER weitere Umstellungen statt:

HW:        + Spitzflöte 4', Scharf 3fach ;

              - Holzflöte 4', Mixtur 5-7fach

0W:         + Hohlflöte 8'; - Quinte 2 2/3'

Ped:        + Prinzipal 8', Gemshorn 4', Trompete 8';

               - Oktavbaß 8', Gedackt 8', Oktave 4'

Disposition 1846

Hauptwerk C-f3

Bordun 32' , Bordun 16', Prinzipal 8' , Dulzian 8' , Gedackt 8', Hohlflöte 8' , Quinta 6' , Oktave 4', Spitzflöte 4',Quinte 3' , Oktave 2', Cymbel 3fach 2' , Mixtur 5fach 2'Kornett 5fach, Trompete 8'

Oberwerk C-f 3

von g an labial gedackt, von g an einschlagend, die Körper von Zink Lieblich Gedackt 16', Geigenprinzipal 8', Salicional 8', Rohrflöte 8', Prinzipal 4', Flauto traverso 3', Oktave 2', Mixtur 3fach 1V3'

Pedal C -d'

Posaune 32, Posaune 16', Subbaß 16', Violon 16', Violon 8', Oktavbaß 8' , Gedackt, Oktav 4'

Disposition 1930

Hauptwerk

Gedackt 16' (aus dem 0W), Prinzipal 8' (tiefe Oktave neu aus Kupfer), Quintade 8' (umgearbeiteter Dulcian), Rohrflöte 8' (aus dem 0W),Quinte 51/3' (umgearbeiteter Salicional), Oktave 4', Holzflöte 4', Nasat 22/3', Oktave 2'Rauschpfeife 2fach 1 1/3'+1'(aus der Zimbel),Mixtur 5-7fach, Dulcian 16' , Trompete 8'

Oberwerk (Schwellwerk)

Gedackt 8' (aus dem HW), Prinzipal 4' (aus dem HW), Quintade 4' , Quinte 22/3' , Oktave 2' , Tertian 2fach,Klein Sedetz 1',Mixtur 3fach,  Regal 8', Tremulant                              

Pedal

Subbaß 16', Oktavbaß 8', Gedackt 8', Oktave 4', Nachthorn 2' , Rauschpfeife 5fach, Posaune 16', Klarine 4', Kornett 2'

Schleifladen, mechanische Traktur, Manualkoppel, Pedalkoppel

Im Februar 1945 ging die Orgel zusammen mit der Kirche und dem ganzen Stadtviertel bei einem Flächenbombardement in Flammen auf. Damit ging das letzte Schulzesche Material in Berlin verloren. Die erhaltenen Reste der Umfassungs­mauern der Kirche, dazu der Campanile, die Altarapsis mit dem erhaltenen Christus aus dem Mosaik und das Atrium, dienten 1954-1957 als Basis für den - im Inneren vereinfachten - Wiederaufbau, der dann ein Instrument der Firma E. F. WALCKER & CIE. erhielt.

aus:

Schwarz, Berthold (Hg.): NE: Pape, Uwe

500 Jahre Orgeln in Berliner Evangelischen Kirchen. Berlin 1991